EINLEITUNG


Die hier vorliegende Dokumentation enthält geographische Namen aus den böhmischen Ländern, die weitgehend deckungsgleich sind mit der heutigen Tschechischen Republik (Tschechien). Es handelt sich dabei um die Bezeichnungen für Landschaften, Gebirge, sonstige orographische oder geomorphologische Einheiten, für Berge, Pässe und weitere ins Auge fallende Geländeformen, um Wälder, Moore, Flüsse, Teiche und sonstige Gewässer sowie um weitere Naturerscheinungen einschließlich der Namen von geschützten Gebieten, schließlich um die Namen von Kulturlandschaften, aber auch von aktuellen und früheren Verwaltungssprengeln, von historisch oder politisch-geographischen Gebietseinheiten, von bekannten Verkehrswegen und anderen auffälligen Menschenwerken. Nicht im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Namen von Städten und anderen menschlichen Ansiedlungen, es sei denn sie wären namengebend für bestimmte Natur- und Kulturlandschaften, was aber häufig vorkommt.

Die böhmischen Länder waren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ein zweisprachiges Gebiet; die Mehrheit setzte sich aus Sprechern der tschechischen Sprache zusammen, während um 1930 29,2 % der Bevölkerung zur deutschen Sprachgruppe gehörte. Zwar hatte sich seit dem 17. Jahrhundert eine relativ deutlich ausgeprägte Sprachgrenze herausgebildet, doch es gab auch einige Sprachinseln sowie im einen oder anderen Sprachgebiet verstreut lebende Tschechen und Deutsche, die in der Regel bilingual waren. Das Verhältnis beider Sprachen zueinander entwickelte sich in ähnlicher Weise wie im gesamten westslawischen Raum. Dieser Befund gab Anlass für zahlreiche gehaltvolle sprachwissenschaftliche und namenkundliche Studien. Durch die Sprachenpolitik des Tschechoslowakischen Staates wurde nach 1918 der Gebrauch tschechischer Namen begünstigt, was zu erheblichen nationalpolitisch motivierten Emotionen führte. Heute versteht sich die Tschechische Republik als tschechischer Nationalstaat, so dass eine Privilegierung des Tschechischen keinen Sinn mehr macht.

Hauptinhalt der Dokumentation ist der Nachweis der tschechischen und deutschen Namenformen, auch Gebrauchsformen in anderen Sprachen werden bei sich bietender Gelegenheit berücksichtigt. Als primäre Form gilt (mit Ausnahme einiger weniger historischer Namen) grundsätzlich die standardisierte tschechische Form; darauf bauen stets die Hauptartikel auf. Wie die Quellenangaben zeigen, lassen sich beide Formen, die tschechischen und die deutschen, nicht selten weit zurückverfolgen und gehen nicht selten auf eine gemeinsame Wurzel zurück. Die Topographie Böhmens, Mährens und Österreich-Schlesiens war im 19. Jahrhundert schon sehr gut bearbeitet, auch die wesentlichen Gebirgs- und Landschaftsnamen waren weitgehend festgelegt. Es gab sowohl tschechische als auch deutsche Namen, die sich entsprachen und inhaltlich deckten.

Im Zuge ihrer neuzeitlichen Nationwerdung war das gebildete tschechische Bürgertum bemüht, Sprache und Literatur zu pflegen und gleichzeitig eine wissenschaftlich-geographische Terminologie zu entwickeln. Somit dürfen die in der Fachliteratur und in den Geographielehrbüchern seit dem 19. Jahrhundert aufscheinenden Landschaftsgliederungen mit tschechischen Namen auch für die damals von Deutschen besiedelten Landstriche als Akte der Nostrifizierung verstanden werden. Einen wichtigen Beitrag dazu leisteten die Konversationslexika von František Ladislav Rieger und von Jan Otto, so dass die Lehrmittel für die Schulen nach 1918 eine einheitliche Nomenklatur geographischer Namen darbieten konnten.

Von besonderer Bedeutung für die Standardisierung der geographischen Namen war die Vollendung der geomorphologischen Gliederung des Territoriums, die methodisch und in der Zielsetzung ähnlich konzipiert ist wie die naturräumliche Gliederung Deutschlands oder auch die physisch-geographische Darstellung Polens:

- provincie
- soustava (subprovincie)
- podsoustava (oblast)
- celek
- podcelek
- okresek

„Celek“ entspricht der naturräumlichen Haupteinheit, podsoustava bzw. oblast , was mit Untersystem oder Bezirk übersetzt werden könnte, entspricht einer Gruppe von Haupteinheiten. Podcelek und okresek sind die Unter- und Teileinheiten. Wichtig und einprägsam ist das Muster der Haupteinheiten, deren Namen sich in den gängigen Atlanten und Übersichtskarten nachweisen lassen (siehe Abb. „Geomorphologie 2“). Als Ergebnis erscheinen 10 geomorphologische Systeme, die in 27 Untersysteme und 93 geomorphologische Einheiten unterteilt sind, von denen einige durch die Staatsgrenze geschnitten werden. Ihre Namen sind teilweise schon länger bekannt.

Weiter gibt es 234 Untereinheiten (podcelek) und 921 Teileinheiten ( okresek ), für die neue Namen gefunden werden mussten. Deren Namen, die meist beschreibenden Charakter haben, wurden hilfsweise übersetzt, da keine deutschsprachigen Vorbilder vorhanden sind. Der Nationalitätenkampf in der Zwischenkriegszeit war im Wesentlichen ein mit Erbitterung und allerlei Schikanen geführter Sprachenkampf, der noch verschärft wurde durch das Sprachenrecht der tschechischen Administration. Das betraf nicht nur die Ortsnamen und Straßennamen, sondern auch die Namen von Landschaften, Gebirgen und Flüssen. Zweisprachige Karten oder zweisprachige Beschriftungen bildeten eher die Ausnahme. Diese Reibereien setzen sich bis ins Exil fort, wenn es manche unserer sudetendeutschen Mitbürger vermeiden, tschechische Namen auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Noch strenger ging man auf der tschechischen Seite vor, wo es sogar verboten wurde, das Wort „Sudety“ auch nur zu gebrauchen. Deutschklingende Namen wie Falknov für Falkenau und andere wurden durch tschechische Namen ersetzt. Es wurde alles dafür getan, die Erinnerung an die früheren deutschen Namen zu tilgen. Erst seit dem „Tauwetter“ wächst die Bereitschaft, die Geschichte sprechen zu lassen.